Mittwoch, 5. Juni 2013

ABC und Einmaleins.



ABC und Einmaleins. Ich habe euch doch schon mal von Atscha erzählt, dem kleinen Mädchen, das an Kinderlähmung leidet. Hier nochmal kurz die Fakten. Atscha ist 13 Jahre alt und wohnt mit ihrem Vater und ihrer älteren Schwester in einem Dorf im Tal, unweit von Fugong. Die Mutter ist weggelaufen, weil sie der Belastung zweier Kinder, von denen eines behindert ist und das andere die Schule abgebrochen hat und sich nachts in knapper Kleidung auf den Straßen rumtreibt, und einem trinkenden Ehemann obendrein nicht mehr standhalten konnte.
Unsere kleine Freundin also, Atscha, ist die meiste Zeit allein zuhause, wo sie den Tag auf ihrem Bett sitzend verbringt. Laufen kann sie nicht selbstständig, lediglich auf dem Fußboden kann sie sich vorwärtsrobben. Zur Schule wurde sie wohl die ersten beiden Jahre von der Mutter getragen. Als die Mutter die Familie schließlich verließ, war dies auch das Ende von Atschas Schullaufbahn. Vor ein paar Monaten war ich das erste Mal bei Atscha, um die sich zu der Zeit Tabea, eine Deutsche in Fugong, gekümmert hatte. Gemeinsam hatten wir mit der Kleinen Übungen zur Stabilisierung ihrer Muskeln gemacht, Ball gespielt, gebastelt, gehäkelt, ...

Atscha

Zuletzt ist Tabea weggezogen aus Fugong, und nun besuchen Marlena und ich Atscha regelmäßig alleine. Letzte Woche brachten wir die Grimms-Märchen auf chinesisch mit, mit dem Plan, ihr vorzulesen oder uns vorlesen zu lassen. Schließlich war Atscha aber so von den bunten Bildern und den schönen Damen in ihren Ballkleidern fasziniert, dass wir uns zwei Mal alle Bilder des Buches anschauten. Bei jedem Bild fragte Atscha, was das Abgebildete darstellte. Es machte Spaß, ihr die Bilder zu zeigen. Man hatte dabei jedoch eher das Gefühl, einer Dreijährigen gegenüberzusitzen als einem Teenager.


Die Kleine ist fasziniert von den Bildern im Märchenbuch.

Auch zusammen rechnen wollten wir, hatten einige einfache Additions- und Subtraktionsaufgaben mitgebracht. Nach kurzer Zeit stellten wir aber fest, dass es sinnvoller war, erst mal die Zahlen von eins bis zwanzig zu lernen. Beim Schreiben der Zahlen war Atscha konzentriert bei der Sache. Irgendwann wurde es ihr dann aber zu anstrengend und sie wollte lieber wieder die Märchenbilder anschauen.
Man merkt, dass sie neben ihrer körperlichen Einschränkung auch geistig ihrer Altersklasse weit hinterher ist. Es ist unvorstellbar, was in Zukunft aus ihr werden soll. Sie ist komplett abhängig von der Hilfe anderer, ist nicht gebildet, kann nichts arbeiten, wird mit der Behinderung große Probleme haben, einen Mann zu finden, … Leider gibt es in Fugong und Umgebung keine Anlaufstelle für Kinder wie Atscha. Wir werden uns nun mal umhören, wo es so etwas gibt und wie man ihr nachhaltig helfen könnte.

Gemeinsam üben wir die Zahlen bis 20.


HW HW. Das heißt auf Lisu so viel wie „Hallo / Schön, dich zu treffen!“ (gesprochen: hua hua). Letzte Woche waren wir bei einer Freundin, mit der wir abgemacht haben, dass sie uns Lisu und wir ihr Englisch beibringen. Als englischen Namen gaben wir ihr den Namen Marta. Mein Lisu-Name ist ANA (siehe unten).

Marta mit ihrem Ehemann

Sie hatte uns zu sich nachhause eingeladen, wo sie Obst und Nüsse vorbereitet hatte. Zunächst unterrichtete sie uns in der Minderheitensprache der Lisu. Wir können nun schon Einiges vom Alter bis zu den Familienangehörigen. Nach einer Weile wurde gewechselt und Marta lernte, wie man sich vorstellt, nach dem Weg fragt und sagt, wo man hingeht. Jetzt gilt es, das Gelernte bis zum nächsten Treffen zu verinnerlichen. Dann geht’s weiter.





Ausflug in die Kultur: Lisu-Namen

In der Lisu-Kultur gibt man seinen Kindern keine Namen. Jedes Kind erhält jeweils den Namen, der seiner Stelle unter den Geschwistern entspricht. Demnach heißt der Nachwuchs: „Erstgeborene“, „Erstgeborener“, „Zweitgeborene“, „Zweitgeborener“ usw.

Die Namen der Lisu-Mädchen sind folgende:

1.                  ANA
2.                  ANJI
3.                  ATSCHA
4.                  AKKU
5.                  ...

Die Namen der Lisu-Jungen sind folgende:

1.                  APU
2.                  ADE
3.                  AGAI
4.                  ...


Ich bin demnach eine ANA, meine jüngere Schwester ist ANJI und mein jüngerer Bruder ist APU.


 







Es ist so heiß in Fugong, immernoch. Das wird nach meinem neuesten Kenntnisstand auch so bleiben bis zum August, wenn wir wieder fahren. Mir ist die Hitze viel lieber als die Kälte, aber manchmal strengt sie doch ganz schön an.

Großer Platz, Fugong: Die Hitze macht uns schlapp.


Happy Children's Day!
Kindertag in China wird, besonders an den Schulen, groß zelebriert. Da macht Fugong keine Ausnahme. Am Vorabend zum 01.06., dem offiziellen Datum des Kindertages, hatte die städtische Grundschule (Max' und Jonas' Schule) auf dem Großen Platz in Fugong eine Veranstaltung organisiert.
Jede Klasse tanzte oder sang in bunten Kostümen vor dem großen Publikum, das sich auf der Tribüne des Platzes niedergelassen hatte, um das Spektakel zu verfolgen.



Die Kleinen selbst moderierten ihre Show – in ausfallenden Ballkleidern und mit blass geschminkten Gesichtern lieferten sie ihre Ansagen in kühler Perfektion ab, ohne auch nur eine Miene zu verziehen – wie es geprobt worden war.

 
Kühle Perfektion: Die Moderatoren der Grundschul-Veranstaltung zum Kindertag
Traditionelle Flöten.

Die Mädchen in traditionellen Lisu-Kleidern.


Die Männer beim Tanz.



Tags drauf, am eigentlichen Kindertag dann, waren wir an der Grundschule etwa zehn Minuten außerhalb von Fugong (Maries und Fabias Schule). Auch dort feierte man, allerdings wurde einem schnell bewusst, dass die Schüler dieser Schule weitaus ärmer als die städtischen und ihre Lehrer weitaus trinkwütiger sind. Mittags wurden Spiele für die Kinder organisiert, am Abend fand dann eine ähnliche Veranstaltung wie am Vortag statt. Doch auch hier merkte man die gravierenden Unterschiede spätestens dann, als der sturzbetrunkene Schulleiter in T-Shirt und Sandalen seine Eröffnungsrede hielt. Die Tanzformationen, die folgten, waren nicht annäherend so synchron wie am Vorabend, von den Zuschauerbänken ertönte dennoch durchweg Beifall.

Mittags konnten sich die Schüler durch das Erledigen verschiedener Aufgaben Süßigkeiten verdienen.

Spielstationen auf dem Schulhof

Ja, die Veranstaltung der städtischen Schule war zwar professioneller, jedoch war die Stimmung an Maries und Fabias Schule viel familärer und gemütlicher, was eine ganz besondere Atmosphäre zum Fest zauberte.

Auf dem Schulhof lernten wir das Militär von Fugong kennen, die den Schülern dabei zuschauten, wie sie Süßigkeiten für's Fischefangen bekamen. Die Männer erwiesen sich als sehr freundlich und fuhren uns schließlich, als wir gehen mussten, im Militär-Fahrzeug zurück nach Fugong, bis vor die Haustür.

Die Leute vom Militär erwiesen sich als überaus redselig.



English Corner. Die English Corner läuft nach wie vor, es kommen mittlerweile immer dieselben 15 bis 20 Schülerinnen, die wir auch regulär unterrichten. Schon seit Langem verzichten wir auf unterrichtsmäßige Treffen und setzen uns stattdessen zusammen, erzählen, singen, diskutieren, …

Jenny und Spring (v. Links)

Zaz

English Corner


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