Sonntag, 12. Mai 2013

Wandertage im Norden

Der erste Mai war der Tag der Arbeit. Um diesen Feiertag herum gab es für Schüler und Lehrer Ferien, die Marlena und ich dazu nutzten, um uns den äußersten Norden des Nujiang-Tals anzuschauen, wo auch die große Straße endet und man nur noch zu Fuß weiterkommt, u. a. in das autonome Gebiet Tibet.
Nachdem wir unsere Baumhaus-Kolleginnen in Gongshan (nördlichste unserer Freiwilligen-Städte) besucht hatten, fuhren wir mit zwei von ihnen weiter nach Bingzhongluo. Bingzhongluo ist ein größeres Dorf inmitten eines als Weltkulturerbe gehandelten, von Bergen geprägten Naturschutzgebietes.


Frühling in den Bergen


Einen Tag wollten wir nutzen, um mit ausgeliehenen Fahrrädern am Fluss entlang bis zur tibetischen Grenze zu fahren. Als wir dann frühmorgens vor der Hütte des Fahrradverleihes in Bingzhongluo standen, sagte uns der Nachbar-Verkäufer, dass der Verleiher in Urlaub und zur Zeit keine Räder zu mieten wären. Also fiel die Fahrradtour flach und wurde stattdessen von einer neunstündigen, sehr angenehmen Wanderung im Tal ersetzt. Das Wetter war warm, ab und zu kam ein ebenfalls warmer Regenschauer.


Bauarbeiter vor ihrem Schlafgemach

Familienportrait
Felder


Das Schöne am Wandern ist, dass man nie weiß, was einen auf dem Weg erwartet. Man entscheidet an einer Weggabelung spontan, ob man lieber nach Westen oder lieber nach Osten laufen will und in beiden Richtungen warten Überraschungen.


Ein etwas mitgenommenes Huhn

So kamen wir zum Beispiel im Dorf Bingzhongluo an einer offenen grünen Holzhütte vorbei. Auf kleinen Hockern saßen alte Leute der Nu-Minderheit, die heiter ihren Reisschnaps becherten. Sie riefen uns herbei, redeten unaufhörlich in ihrer Sprache auf uns ein und boten uns den hochprozentigen Schnaps an.


Angetrunkener Nu-Mann
Die Trinkstube als Seniorentreff


Die Wanderung von Bingzhongluo über den Berg auf die andere Seite war dann die beschwerlichere unserer Touren. Nach Stunden bergauf kamen wir auf dem Gipfel an. Und es war überwältigend. Vor uns erstreckte sich eine ungewöhnlich kahle und flache Ebende, auf der ein paar wilde Pferde standen. Auf beiden Seiten konnte man ins Tal schauen, am Horizont ragten die schneebedeckten Gipfel weiter entfernterer Berge in den Himmel. Dieser war von schnell ziehenden Wolken verhangen, die Nachmittagssonne tauchte die Landschaft in ein glitzerndes Licht.

Auf dem Gipfel - Weite in der Höhe
Auf dem Gipfel - Die Landschaft ließ unseren Atem für einen Moment still stehen.
On the top of the world

Das Backpacker-Hostel auf der anderen Seite, in dem wir am Abend selig einschliefen, gehörte Aluo, dem tibetischen Bergführer der Gegend und war mehr Zuhause als Unterkunft. Aluo und seine Frau wohnen in demselben Haus, die Gäste kommen und gehen, kochen zusammen in der einfachen Küche und essen in einem Raum, der gleichzeitig Aufenthaltsraum, Wohnzimmer der Familie und Büro von Aluo darstellt.


In Aluos Gästehaus


Der Wandertrupp (ich, Franzi, Nina B., Marlena)


Im Dorf, in dem Aluos Gästehaus war, trafen wir auch dessen Neffen und deren Kumpels – Tibeter, die ihr Leben genießen. Eine feste Arbeit haben sie nicht, verdienen sich hier und da ein bisschen Geld, um anschließend in China herumzureisen. Sie machen mit Trommeln und Gesang ihre eigene tibetische Musik und veranstalten mit ihren Motorrädern in den Bergen Rennen. Die Tibeter in Bingzhongluo sind größtenteils christlich, katholisch.
Es gibt aber auch hier, wie es sonst die meisten ihres Volkes sind, buddhistische Tibeter. Beim Wandern fanden wir eine kleine Höhle, in der Opfergaben dargebracht waren und bunte Gebetsfahnen im Wind wehten.

Tibetische Gebetsfahnen




Hühnerstall
Pflügen im Umbruch




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