Donnerstag, 31. Januar 2013

Kurzfristige Kleiderverteilung mit Turbulenzen.


Kurzfristige Kleiderverteilung mit Turbulenzen. Nach der riesigen Kleiderspende von China Radio International lagerten noch immer unzählige Säcke mit Erwachsenenkleidung im Kleiderraum in Liuku. Gleichzeitig hatte die kanadische Familie Clark aus Fu Gong, mit denen wir bei der Kleiderverteilung der vergangenen Woche schon kooperiert hatten, noch bergeweise Kinderkleidung, ihnen fehlte es für eine Verteilung an Kleidern für Erwachsene.
Kurzfristig hatten wir uns deshalb entschieden, noch vor den Frühlingsferien, bevor es wieder wärmer wird, erneut zu kooperierten und einen Teil unserer Erwachsenenkleidung und der Kinderkleidung von Clarks in den Bergen zu verteilen.

Der Lisu-Mann Ade, der uns auch schon bei der letzten Verteilung geholfen hatte, erkundete drei weit abgelegene Bergdörfer und hielt Namen und Alter der Menschen aus den ärmsten Familien auf vorgefertigten Listen fest. Der Vorteil, wenn Ade die Listen erstellt, ist zum einen, dass er als neutrale Person in die verschiedenen Dörfer kommt. Somit besteht keine Gefahr, dass die Kleidung vorrangig an befreundete Leute oder Leute, denen man noch einen Gefallen schuldet, gelangt. Dies war schon ein Problem bei Verteilungen von anderen Hilfsprojekten in der Vergangenheit. Zum anderen ist Ade selbst einer der Ärmsten aus seinem Dorf und kann dadurch gut beurteilen, in wie weit die einzelnen Familien bedürftig sind.

Ein Anruf bei Caro und Nora, die letzten Freiwilligen in Liuku, die noch nicht auf Reisen waren, genügte, um einen Tag später drei große Säcke sortierter Erwachsenenkleidung am Busbahnhof in Fu Gong zu empfangen.

Da auch im Fu Gong County fast alle Schulen bereits Ferien hatten und die Clarks ebenfalls  abgereist waren, würde die Verteilung dieses Mal mit nur zwei BAUMHAUS-Freiwilligen, Marlena und Elena, stattfinden. Zusätzlich sollte uns Ade sowie ein befreundeter Übersetzer begleiten.
Nachdem wir uns von Ade die Listen besorgt hatten, auf denen stand, wie viele Leute versorgt werden sollten, und nachdem die Kleidung aus Liuku am Sonntagabend eingetroffen war, begann eine nächtliche Sortier- und Bündel-Aktion zu zweit. Jede Person sollte eine Hose, ein langärmeliges und ein kurzärmeliges Oberteil bekommen. Babys und Kleinkinder bekamen mehr, da sie anfälliger für Kälte sind und schneller wachsen.


1:00 Uhr morgens – die Kleidersäcke sind gepackt, morgen früh geht’s los.

Am darauf folgenden Tag, dem Montag, sollten die Verteilungen stattfinden.
Um 9.00 Uhr morgens verfrachteten wir zusammen mit dem Übersetzer Agai und Ade, der einen Minibus organisiert hatte, die Kleidung - bereit zum Aufbruch.
Zunächst fuhren wir etwa 20 Minuten in Richtung Norden, in den Bezirk La Zhu Di. An der Straße im Tal warteten dort schon die Menschen aus dem Bergdorf, wo die Kleidung hin kommen sollte. Für jede Familie war ein Familienmitglied mit einem geflochtenen Korb auf dem Rücken ins Tal gekommen, um die Klamotten-Bündel abzuholen.

Die Leute aus den Bergen warteten bereits, bis wir mit dem Minibus voller Kleidung den kleinen Platz an der Straße im Tal erreichten.

Wir holten die großen Säcke aus dem Minibus. An den Bündeln für die Kinder war jeweils der Zettel mit dem Namen dieser Familie befestigt. Auf der Liste, die Ade dabei hatte, standen neben dem Familiennamen, wie viele Frauen und Männer in der Familie lebten.
Die Verteilung lief nach folgendem Konzept ab: Ade holte ein Bündel an Kinderkleidung aus dem Sack. Er las den Namen laut vor und die Person mit dem genannten Namen trat nach vorne. Sie bekam den Bündel Kinderkleidung. Ade schaute auf der Liste, wie viele Männer und Frauen es in der Familie gab und nannte uns die Zahlen. Wir gaben der Person die jeweilige Anzahl an Bündel mit Männer- und Frauenkleidung aus den Säcken. Dann wurde die Familie auf der Liste abgehakt und Ade holte das nächste Kinderkleidung-Bündel aus dem Sack.

Ade (rechts) hatte die Listen erstellt, Agai (links) übersetzte.

Dank Ades Liste konnten wir sicher sein, dass wirklich die ärmsten Menschen versorgt würden und jeder passende Kleidung für sein Alter erhielt.

Bis alle Menschen die Kleidung für ihre Familien bekommen hatten, vergingen ca. 30 Minuten.
Dem Erscheinungsbild dieser Menschen sah man an, dass Ade seinen Job gut gemacht und wirklich die Ärmsten ausgewählt hatte. Die faltigen Gesichter und rauen Hände waren von einem Leben harter körperlicher Arbeit gezeichnet. Ihre Kleidung war sehr schmutzig, teilweise viel zu dünn für die niedrigen Temperaturen am frühen Morgen. Ein Mann und eine sehr alte Frau hatten keine Schuhe an, als sie sich auf den langen Weg nach oben, zurück in ihr Bergdorf, machten.
Insgesamt haben wir in La Zhu Di an 36 Männer, 33 Frauen, 17 Kinder und zwei Babys Kleidung verteilt.

Die alte Lisu-Dame hatte keine Schuhe an, als sie den weiten Weg aus den Bergen ins Tal kam

Nach einer knappen Stunde Fahrt in südliche Richtung erreichten wir den Bezirk Jia Ke Di. An Bergdörfer dieses Bezirks hatten wir schon vergangene Woche verteilt und waren damals bereits Zeugen unvorstellbarer materieller Armut geworden. Dieses Mal hatte Ade zwei andere Dörfer heraus gesucht. Auf dem befahrbaren Weg fuhren wir mit dem Minibus ein von Serpentinen geprägtes Stück den Berg hoch, bis wir einen kleinen staubigen Platz mit einer winzigen Kirche erreichten.

Blick in das zur Zeit sehr trockene Nujiang-Tal.

Zwei Geschwisterchen auf ihrem Weg in die Berge.

Dort warteten bereits die Menschen aus den beiden noch ein ganzes Stück weiter entfernten Bergdörfern. In der Mittagssonne saßen sie nebeneinander auf einer Steinmauer vor der Kirche und begrüßten uns.

Vor der kleinen Kirche saßen die Leute in der Mittagssonne auf einer kleinen Steinmauer - wir setzten uns dazu.

Jeder von ihnen begrüßte uns per Handschlag. Einer der Männer erzählte uns, alle Bewohner der umliegenden Dörfer hätten sich damals zusammen getan, um die kleine Kirche von Hand zu errichten. In der Lisu-Kultur ist es üblich, dass sonntags drei Gottesdienste stattfinden. Nach dem Mittagsgottesdienst kochen ein paar Kirchenmitglieder, sodass alle Gottesdienstbesucher am Heiligen Sonntag zusammen zu Mittag essen können. Zur Zeit befinden sich die Küchenutensilien in der Kirche selbst, neben dem Altar. Das heißt im Moment wird im Freien gekocht, was mit Blick auf die bevorstehende Regenzeit kein angenehmer Gedanke ist. Die Dorfbewohner fragten uns fast flehend, ob wir ihnen nicht helfen könnten, gegenüber der Kirche noch einen kleinen Raum zu bauen, der als Küche dienen soll. Unser Übersetzer versuchte zu erklären, dass dies sicher eine gute Idee sei und wir darüber nachdenken werden, was sich machen lässt, dass sie allerdings auch verstehen müssen, dass es uns nicht möglich ist, jedes Anliegen zu verfolgen.

Der Mann schwärmte von einem Gebäude neben der Kirche, wo man sonntagsmittags nach dem Gottesdienst kochen könnte. Zurzeit befinden sich die Küchenutensilien neben dem Altar

Die Dorfbewohner

Ein Merkmal der Lisu ist die Farbenpracht ihrer Kleidung.

Wir holten die Säcke aus dem Minibus, Ade holte ein Kinderkleidung-Bündel aus dem Sack und nannte den Namen der ersten Familie. Nachdem sich niemand gemeldet hatte, stellten wir ein wenig entsetzt fest, dass Liste und Dorf nicht übereinstimmten. Man hatte also die Listen vertauscht und wir demnach nach der falschen Liste gepackt. Nun galt es, schnellstmöglich eine Lösung zu finden.
Zunächst zählten wir auf der neuen Liste, die wir nun zum ersten Mal sahen, wie viel Kleidung für diese Dorfbewohner benötigt würde. Nach einem kurzen Abgleich mit der Anzahl an Klamotten, die wir dabei hatten, stellten wir erleichtert fest, dass es mit Ach und Krach hinhauen könnte. Durch unseren Übersetzer entschuldigten wir uns aufrichtig bei den wartenden Menschen für die Komplikationen. Das Schicksal war auf unserer Seite, als sich die Menschen in diesem Dorf als es noch freundlicher und herzlicher herausstellten als die Lisu-Leute aus ihrer Natur ohnehin schon sind. Eilig machen wir uns daran, die abends vorher geschnürten Kinder-Kleiderbündel aufzubinden und im Kofferraum des Minibusses auszubreiten.

Improvisation - Eilig suchten wir im Kofferraum des Minibusses die passende Größen für die Kinder heraus.

Als Ade den ersten Familiennamen auf der Liste vorlas, nannte er gleichzeitig die Anzahl und das Alter der Kinder. Demnach suchten wir passen Größen für Kinder in diesem Alter heraus. Ade nannte uns die Zahl an Männer und Frauen in dieser Familie und wir holten die angegebene Anzahl an Bündeln aus den Säcken, um sie mit den Kinderkleidern der wartenden Person aus der ersten Familie zu geben.

Vor der von Hand gebauten kleinen Kirche (links) fand die Verteilung statt.

Nacheinander arbeiteten wir nach dem neuen Prinzip die neue Liste ab.

Die Menschen waren unheimlich freundlich und dankbar - das lange Warten nahmen sie uns nicht übel.

Dieses neue, etwas notdürftige Konzept, erforderte einiges mehr an Zeit, war aber so spontan die einzig brauchbare Lösung. Letztendlich hatten wir nur für eine Familie keine Kleidung mehr übrig, haben aber mit der Frau ausgemacht, dass wir ihr in Fu Gong noch ein Bündel schnüren, das Ade in ein Dorf in ihrer Nähe bringen wird.

Jede Familie bekam die passende Anzahl an Kleider-Bündel.

Nach der letztendlich doch noch sehr erfolgreichen Verteilung ein Gruppenbild zur Erinnerung

Die mit Kleidung gefüllten geflochtenen Körbe werden auf den Kopf gesetzt - bereit für den langen Weg in die Berge.
 
Trotz der Komplikationen haben wir die Zeit unter den Leuten in den Bergen sehr genossen. Nach der Verteilung haben sie noch auf ein Gruppenfoto bestanden, bevor sie ihre mit Kleidung gefüllten Körbe aufsetzten und sich mit strahlenden Augen und leichtem Fuß auf den steilen Weg zurück in ihr Dorf machten.
Zurück in Fugong saßen wir in einer Suppenküche beim gemeinsamen Mittagessen und sprachen mit Agai und Ade über die heutige Verteil-Aktion. Und Agai brachte es auf den Punkt: „Well, I think it was very good. We had a problem and we solved it.“

Überholmanöver in Fu Gongs Bergen

Zu der schönen Kirche wünschen sich die Dorfbewohner von Herzen noch eine kleine Küche

Eine weitere Hygienebox haben wir in den vergangenen Tagen in einem etwas kleineren Supermarkt in Fu Gong aufgestellt. Bisher dachten wir, der sei so klein, dass sich das nicht lohne. Nun entschieden wir uns jedoch dafür, es einfach auszuprobieren und abzuwarten, wie die Box dort angenommen wird.


Reich hilft Arm. In Fu Gong gibt es ein paar Häuserblöcke, die neuer aussehen als die anderen, und in denen wohlhabender aussehende Leben als in den anderen. Bei den jeweiligen Hausverwaltern haben wir nun angefragt, ob wir nicht einen Sack in den Eingangsbereich des Hauses hängen könnten. In diesen Sack können die Bewohner Kleidung werfen, die sie nicht mehr benötigen. Wir sind gespannt, ob diese Idee, die in der Vergangenheit schon in Liuku funktionierte, auch in Fu Gong auf fruchtbaren Boden fällt.


Ehrenvolle Aufgabe und kulinarische Spezialitäten auf einer chinesischen Hochzeit (Bilder kommen bald nach :)). Feng Yu Hua, ihr englischer Name ist Sweet Pea (= süße Erbse), ist eine Mitarbeiterin von Dagmar, der deutschen Entwicklungshelferin hier. Sweet Pea hatte ihren Mann bereits vor zwei Jahren zum ersten Mal geheiratet. Letztes Jahr folgte dann die Feier in Dàli, der Heimatstadt ihres Mannes. Und nun war die Hochzeit im Kreise ihrer Familie und Freunde angesagt, in Fu Gong.
Wir freuten uns riesig, als wir den rot-goldenen Einladungsumschlag in den Händen hielten. Und noch mehr freuten wir uns, als sie uns fragte, ob wir bei der Feier mithelfen wollen. Bei chinesischen Hochzeiten ist es üblich, dass die Braut und der Bräutigam die Gäste am Eingang begrüßen. Neben ihnen stehen Vater, Mutter und nächste Verwandte. Außerdem steht bei der Begrüßung neben Braut und Bräutigam je eine Person, die ein Tablett hält, von dem sich die vorbei laufenden weiblichen Gäste Bonbons, Sonnenblumen- und Erdnusskerne, die männlichen Gäste Zigaretten nehmen dürfen. Diese ehrenvolle Aufgabe des Tabletthalters wurde an Sweet Peas großem Tag uns, Marlena und mir, zugeschrieben. Die Gäste kamen also, nahmen sich was von unserem Tablett und begrüßten entweder Bräutigam oder Braut. Lediglich wenn es Freunde beider waren, begrüßten sie beide. Wenn der Gast nur ein Freund des Brautvaters war, begrüßte er nur diesen.
Nachdem die meisten Gäste eingetroffen waren und alle an den runden Tischen verteilt saßen, sangen wir Deutschen dem Brautpaar ein kleines Ständchen auf deutsch und englisch. Anschließend begann das große Essen. Es wurden so viele verschiedene Gerichte aufgetischt, in riesigen Mengen. Nachdem sich auch der Letzte satt gegessen hatte, war noch gut die Hälfte an Essen übrig. Uns wurde erklärt, man wolle mit diesem Überschuss sagen: „Wir haben genug, wir können euch mehr anbieten, als ihr essen könnt – uns geht’s gut“. Üblicherweise verlässt man, nachdem der ganze 8er-Tisch fertig gegessen hat, geschlossen den Festplatz. Als wir uns von dem Brautpaar verabschiedeten, was normalerweise nicht üblich ist, war der Bräutigam schon gut beschwipst. Er musste den ganzen Nachmittag mit jedem Gast ein kleines Gläschen Bier auf Ex trinken, obwohl er sonst nie Alkohol trinkt. Ein paar Tage später erzählte uns Sweet Pea, ihr Mann hatte an dem Tag bereits um acht Uhr abends tief und fest geschlafen, als die Feier im kleinen Kreise noch voll im Gange war.
Alle Helfer wurden nochmals zu einem Mittagessen eingeladen. Beim Empfang zu diesem Mittagessen kam ich zum ersten Mal meines Lebens in den Genuss einer gegrillten Ratte. Das Fleischkonsistenz ist ähnlich dem Hühnchenfleisch, schmeck aber ganz anders. An den vielen Knochen- und Knorpel-Stücken hat man Einiges zu Nagen. Nagetiere werden wohl nicht mein Leibgericht werden.



Chun Jie Kuai Le! Fröhliches Frühlingsfest! Diese Woche sind unsere Schüler alle nach Hause gefahren, um am 10. Februar das chinesische Frühlingsfest im Kreise ihrer Familie zu feiern. Als wir uns in den Stunden der letzten Woche von unseren Schülern verabschiedet hatten, wurden wir fast melancholisch. Man hat sich so an die Jungs und Mädels gewöhnt, sie sind mir total ans Herz gewachsen. Schon jetzt freue ich mich darauf, sie Ende Februar wieder unterrichten zu dürfen.
Aber jetzt heißt es erst mal Urlaub. Drei Wochen lang werde ich zusammen mit Marlena den Süden Chinas erkunden. Unser Reisemotto lautet: „Es kommt, wie's kommt. Wir nehmen's, wie's kommt.“ Einige Sachen, die wir auf jeden Fall sehen wollen, stehen bereits auf dem Programm, in der Zwischenzeit sind wir ganz flexibel und warten ab, was und wem wir begegnen.


In diesem Sinne euch allen ein fröhliches Frühlingsfest!
Bis bald!

Eure Elena


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