Freitag, 25. Januar 2013

Hallo ihr Lieben!





Das Nujiang-Tal während der sonnigen Wintertage.

Gemütliche Abende in Fugong – Musizieren am Heizstrahler

Hallo ihr Lieben! Ich habe mir lange Zeit damit gelassen, euch meine neuesten Erlebnisse im Reich der Mitte zu erzählen. Deshalb heute etwas länger. Besonders der Abschnitt über unsere jüngste Kleiderverteilung in den Bergen erzählt viel über das Leben, Arbeiten und Fühlen hier.
Viel Spaß beim Ausflug in die fremde (oder fremd scheinende) Kultur!


Restaurierte Hygieneboxen. Es wurde Zeit. Die alten, unsere ersten, Hygiene-Boxen in den Supermärkten befanden sich bereits in einem mehr als heruntergekommenen Zustand, als wir sie letzte Woche mitgenommen und mithilfe von neuem Papier und vielen Farben erneuert haben. Eine der drei Boxen haben wir bei der Gelegenheit komplett entsorgt, da im betreffenden Supermarkt fast nichts an Spenden zusammen gekommen war. Die beiden restaurierten Boxen stehen mittlerweile wieder auf ihrem Platz neben der Kasse und sammeln fleißig Kleingeld. Im Hinblick darauf, dass wegen ihrer Natur aus Pappe die Boxen schon in wenigen Wochen wieder genauso aussehen werden, befindet sich gerade ein bestellter Prototyp einer stabilen Box aus Plexiglas auf dem Weg zu uns. Der Beginn der ersten professionellen BAUMHAUS-Hygieneboxen.


Bibel Studies und Kochen / Apfelstrudel. Amanda aus New York und Fang Fang aus Singapur haben sich schon vor einigen Jahren hier in einem Dorf nahe Fugong niedergelassen, um in der Lisu-Minderheit zu missionieren. Sie kümmern sich unter anderem um geistig kranke Menschen, unterrichten in Blindenschrift und machen Musik mit Kindern aus der Vorschule. Schon öfters waren wir nun schon bei den beiden, um bei den Bibel Studies mitzumachen. Jede Woche wird ein Abschnitt aus der Bibel gelesen und interpretiert, bevor man im Kreis zusammen betet und singt  und anschließend über dies und jenes diskutiert. Hin und wieder kochen und backen wir auch.

Spezielle Kochsessions bei Amanda und Fang Fang (v. li. Marie, Amanda).

Meisterköche am Teig ausrollen

Abendessen mit Aussichten

Alle satt!


Lebendige Spielsachen. Bezahle ein paar Yuan. Dann bekommst du einen Ring. Wenn du es schaffst, den Ring so zu werfen, dass er den Becher einkreist, gehört der Becher dir. Der Becher und das darin lebende Tier – ein Goldfisch oder eine Schildkröte, vielleicht sogar einen kleinen Hamster.
Dieses Spiel findet auf der offenen Straße statt, meist vor der Grundschule, und ist vor allem bei den jüngeren Schülern sehr beliebt.

Berühmtes Straßenspiel …
… mit lebendigen Spielsachen.

Singend lernen. Bei dem aktuellen Thema „Music“ heißt es, kreativ zu sein. Die Aufgabe im Unterricht lautete: Übt den vorliegenden Text und erfindet eine Melodie dazu. Tragt dann eure Performance als Gruppe vor.

Gruppenarbeit


Sowohl Schüler als auch wir hatten einen Riesen-Spaß und ab und zu kam letztendlich wirklich ein schöner Song-Entwurf dabei raus.

Das Vorsingen endete nicht selten in Gelächter.

Sogar die Gitarre kam zum Einsatz


Verspätetes Weihnachts-Päckchen. Ein verspätetes Weihnachts-Päckchen aus der Heimat hatte mir im wahrsten Sinne des Wortes den Tag versüßt. Obwohl es am Zoll aufgemacht wurde und sich das Cappuccinopulver im ganzen Paket verteilt hatte, freute ich mich wie nie über Lebkuchen und Dominosteine. Hier in China, so weit weg von zuhause, schmecken die Leckereien noch hundert Mal besser !

Freude über verspätetes (explodiertes) Weihnachts-Päckchen.


Kleider sortieren, Kleiderverteilungen an die Ärmsten der Armen. Wir hatten eine riesige Menge an gespendeter Erwachsenenkleidung von China Radio International. Und der BAUMHAUS-Kleiderraum in Liuku bietet nur geringe Lagerkapazitäten. Das heißt, wir brauchten eine schnelle Lösung, um die Kleidung zu verteilen. Bisher hatten wir in Fu Gong immer nur an Kinder in Bergschulen verteilt. Jetzt hatten wir also Erwachsenen-, aber keine Kinderkleidung.
Auf der Suche nach einem neuen Konzept sprachen wir unsere kanadischen Freunde an, die seit acht Jahren hier in Fugong leben und auf christlicher Mission selbst soziale Projekte machen. Sie sagten, sie hätten noch sehr viel Kinderkleidung zu verteilen, wir könnten uns also zusammenschließen und an die ärmsten Familien in verschiedenen Bergdörfern verteilen. Ein Lisu-Freund von ihnen, Ade, wurde losgeschickt, um in den jeweiligen Dörfern Umfragen zu machen, die ergeben sollten, welche Familien die ärmsten seien, wie viele Familienmitglieder es gäbe und wie alt diese seien. An vier Tagen erkundete Ade vier Bergdörfer. Am Samstag sortierten wir anschließend von morgens bis abends die Berge von Kleidung und schnürten anhand der Umfrageergebnisse Bündel (z. B. Jacke, Hose und T-Shirt) für die bestimmte Anzahl an besonders bedürftigen Menschen in den jeweiligen Dörfern.

Größen abschätzen …

… zwischen Bergen von Kleidung.

Und noch mehr Kleidung

Nach getaner Sortier-Arbeit freuen wir uns auf die Verteilung.

Roland, das Fugong-Maskottchen, thront auf den geschnürten Kleidersäcken.


Noch am selben Tag, samstags, konnte ein Teil der Kleidung in ein Dorf in der Nähe gebracht werden. Die Menschen, für die die Kleidung bestimmt war, kamen aus ihrem Dorf, das hoch oben in den Bergen gelegen war, herunter in das Dorf im Tal und holten die Sachen ab.

Die Menschen kamen aus ihren Bergdörfern ins Tal, um die Kleidung abzuholen.

Warten auf die Kleidung.

Strahlende Gesichter I

So auch am Sonntag. Morgens fuhren wir mit dem Minibus und Säcken voller Kleidung los in drei verschiedene Dörfer, wo ebenfalls Menschen aus den Bergen auf uns und ihre neue Kleidung gewartet hatten.

Ankommen im Dorf

Auf Ades Liste standen die bedürftigsten Familien aus den Bergdörfern.

Strahlende Gesichter II

Die neue Kleidung wird inspiziert

Nachdem alle ihr Bündel bekommen hatten und wir bei Ade, der uns auch heute half, zu Mittag gegessen hatten, machten wir uns auf, um in eines dieser Bergdörfer zu wandern. Wir wollten gerne sehen, wo die Kleidung hinkommt und uns den Menschen vorstellen.

Ades (li.) Familie hatte für uns gekocht

 Ade lief geübten Schrittes voraus und musste immer wieder stehen bleiben, um auf die langsamen Ausländer zu warten, die hechelnd und mit hoch rotem Kopf versuchten, Schritt zu halten. Nach knapp zwei Stunden erreichten wir schon die ersten Hütten.

Kinder im Dorf I

Kinder im Dorf II


„Hua Hua“, ertönte es schon von Weitem, als die alte Lisu-Frau uns zu sich herein winkte. In der Mitte des Raumes befand sich eine offene Feuerstelle zum Kochen und Wärmen, der Raum war schon voller Qualm, die Wände schwarz von dem Ruß. Schon nach kurzer Zeit fingen unsere Augen an zu brennen. Wir nahmen auf den niedrigen Holzhockern Platz und bekamen dampfendes Wasser zu trinken. Zu sechst wohnten in dieser Hütte aus Bambus die Frau und ihr Mann sowie ihr Sohn mit seiner schwangeren Frau und ihren beiden Kindern. Der Kanadier Deane war mit uns gekommen, er spricht fließend Chinesisch. Außerdem hatten wir ja Ade, unseren Lisu-Übersetzer, dabei. So plauderten wir ein Weilchen. Wir erfuhren, dass der Mann Anzeichen von Hepatitis B hatte, seine Frau sehr schlecht sähe und Schmerzen hätte, sobald Sonnenlicht in ihre Augen fällt. Eine Behandlung kann sich die Familie nicht leisten.
Auch in der nächsten Hütte gab es verschiedene Leiden: Während der schon ins Alter gekommene Mann Grauen Star hatte, litt die Frau seines Sohnes unter Schmerzen im fünften Schwangerschaftsmonat. Deane zeigte ihr Übungen, die sie zur Kräftigung der Unterbauchmuskeln ausüben sollte. Außerdem hatten wir für alle Familien, die wir besuchen wollten, Vitaminpräparate dabei, und gaben so auch diese Familie ein kleines Bündel vor dem Abschied.

Lisu-Mann
Draußen dämmerte es schon, aber wir sollten auf jeden Fall noch in eine Hütte kommen, in der fünf Frauen verschiedenen Alters zusammen lebten. Nachdem wir angekommen waren, beschrieb die Älteste von ihnen das Krankheitsbild ihrer Mitbewohnerin. Seit ihrer Kindheit wäre diese halbseitig gelähmt und erlitt des Nachts mehrmals Anfälle, bei denen sie das Bewusstsein verlor. Außerdem plagten sie ständige Kopfschmerzen. Wie sich herausstellte, wurde ihr bereits schon früher ein Medikament gegen Epilepsie verabreicht. Auf Nachfrage meinte die Ältere, die Frau würde ca. 2 Becher Wasser am Tag trinken. Deane klärte sie, dass die erste Ursache für Kopfschmerzen ein Mangel an Flüssigkeit sei, sie solle künftig mindestens acht Tassen Wasser täglich trinken.
 Die Frauen verabschiedeten uns herzlich von uns und wir winkten noch lange.



Auf dem Weg durch das Dorf in Richtung des Pfades, der uns zurück ins Tal führen sollte, wurden wir abermals herbeigerufen und gebeten, zum Essen zu bleiben; die Familie habe extra ein Mahl für uns zubereitet.
Wisst ihr, diese Menschen haben fast nichts. Und trotzdem stehen, wenn ferner Besuch kommt, die kostbarsten Gericht auf dem Tisch. Es gab sogar Fleisch. Bei jedem Essen im Bergdorf plagt mich das schlechte Gewissen, dass wir reichen Ausländer diesen Menschen die Haare vom Kopf essen. Und doch – wir nahmen die Einladung dankend an, da sie sich schließlich schon vorbereitet hatten und uns unbedingt zeigen wollten, dass wir in ihrem Dorf willkommen sind. Diese Familie bestand aus nur zwei Personen. Vater und Sohn teilten sich einen kleinen Raum, der Küche mit Schlaf- und Wohnzimmer vereinte. Obwohl, oder vielleicht gerade weil die winzige Hütte recht zugestellt und natürlich nicht sehr sauber war, fühlte ich mich darin sehr wohl, es war gemütlich. Den Sohn schätzten wir auf um die 30 Jahre alt. Er war 20. Beim Essen erzählte er uns seine Geschichte. Als er vier Jahre alt war, spürte er plötzlich Schmerzen in beiden Knien. Seitdem hatte er an jedem Bein zwei Kniescheiben. Sein Gang war geknickt und besonders am Abend, nach der Arbeit auf dem  Maisfeld oder nach dem anstrengenden Marsch vom Tal in die Berge hatte er starke Schmerzen. Behinderte Kinder, sei es geistig oder physisch, dürfen nicht von der Regierung aus nicht zur Schule gehen. Der Junge in meinem Alter hat also nie Hochchinesisch gelernt. Mit zwanzig ist er nun durchaus im heiratsfähigen Alter, allerdings wird es schwer werden, mit der Behinderung eine Frau zu finden. Während der Zwanzigjährige erzählte, wirkte er sehr stark; er sprach über sein Problem, als würde er über's Wetter reden.

Dämmerung beim Abstieg

Noch als wir am Abend, es war schon dunkel, unsere Schule in Fugong erreichten, dachte ich an den jungen Mann mit den vier Kniescheiben.
Er hinterließ bei uns allen ein mulmiges Gefühl. Täglich tauschen wir Freiwilligen uns über unsere Eindrücke und Gefühle über das Erlebte hier im ländlichen China aus. Das hilft wirklich unheimlich, über Erlebnisse zu reflektieren und sie zu verarbeiten. Wie auch bei diesem Mal.
In Momenten wie diesen erinnere mich an mein Leben in Deutschland. An unsere sogenannten Probleme und unsere Art und Weise, damit umzugehen. Und bei diesem Vergleich kommen einem glatt die Tränen.


Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende und hoffe, ihr genießt die weiße Schneelandschaft in Deutschland!

Eure Elena

Liebste Grüße aus China!

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