Freitag, 7. Dezember 2012

Advent in China



Blog-Eintrag vom 07.12.12

Hallo meine Lieben,
in den deutschen Nachrichten sehe ich Bilder von weißen Schneelandschaften und glatten Straßen. Auch in Fugong, China, ist es Winter. An den Morgen und Abenden ist es eisig kalt, in der Mittagssonne jedoch noch immer schön warm. Lehrer oder Freunde, die uns in unserer adventlich eingerichteten Wohnung besuchen, sind fasziniert von dem westlichen Brauch des Adventskalenders, von Papierservietten mit Weihnachtsmotiven und von deutschen Weihnachtsplätzchen (danke, Oma!). Alles muss auf mindestens einem Foto festgehalten werden. Kartoffelbrei hatten wir ein Mal gekocht. Das konnte man sich gar nicht vorstellen – Milch und Salz zusammen? Es schmecke sehr fremd, aber durchaus „delicious“ (= lecker; das Standart-Wort hier). Der absolute Wahnsinn ist jedoch der Früchtetee. Mit einigen Ladungen Zucker kann man ihn sogar trinken!

Ray und Angel, die beiden Studentinnen aus Kunming, sind fasziniert vom Adventskalender

Die Weihnachtsdeko in unserer Wohnung wird bestaunt.


Hygieneboxen. Voller Erwartung schauten wir am Wochenende in die Hygieneboxen in den Supermärkten, nachdem wir bei der letzten Leerung so positiv überrascht wurden. Dieses Mal, nach zwei Wochen, befanden sich in den drei Märkten insgesamt knapp 100 Yuan (ca. 12,50 Euro) sowie eine Zahnbürste darin. Das heißt, die Spendenbereitschaft ist ein wenig zurückgegangen, trotzdem ist das Ergebnis zufriedenstellend. Es wird sich auf jeden Fall lohnen, die Boxen stehen zu lassen – zumindest in zwei der drei Supermärkten, im dritten kommt so gut wie nichts zusammen, was wahrscheinlich an der ungünstigen Positionierung der Box liegen mag. Allerdings werden wir in den nächsten Tagen der Marktleitung einen alternativen Platz vorschlagen, an dem unsere Hygiene-Box den Kunden mehr ins Auge sticht. Insgesamt sind wir also weiterhin sehr zuversichtlich, was das Hygiene-Projekt in Fugong betrifft und diskutieren bereits darüber, von welcher Art die zukünftigen professionellen Boxen sein sollen. Denn die werden, das ist mit Blick auf den heruntergekommenen Zustand unserer frisch gebastelten, erst vor gut drei Wochen aufgestellten Schuhkartons, auf jeden Fall nötig sein.


Verfrühte Christmesse im Lisu-Dorf. Weil der große, von mehreren umliegenden Dörfern  zusammen gefeierte Weihnachtsgottesdienst am 25. Dezember dieses Jahr nicht im kleinen Dorf Ga Sha Ko nahe Fugong, sondern in einem anderen Dorf in der Umgebung stattfinden soll, wurde die Christmesse in Ga Sha Ko kurzum gut drei Wochen vorverlegt und fand somit am vergangenen Sonntag statt. Tara aus Texas hatte uns eingeladen, mit ihr zu kommen. Sie unterrichtet in der Vorschule von Ga Sha Ko Englisch und hat mit ihren Schülern ein paar Weihnachtslieder – auf Lisu, Chinesisch und Englisch – eingeübt, um sie der Kirchengemeinde am Sonntagmittag vorzutragen.
Auch bei unserem hiermit dritten Kirchenbesuch stellten wir fest, dass die Männer alle in den Sitzreihen der linken Seite des großen, hohen Raumes saßen, alle Frauen währenddessen auf der rechten Seite. Die meisten Leute trugen ihre Lisu-Trachten, viele der weiblichen Christen hatten Kopftücher auf, ihre traditionellen Umhängetaschen um, aber auch in Jogginghosen fiel man nicht auf. Was allerdings auffiel ist, dass es außerordentlich viele Kinder gab. Ständig wurden Babys durch die Reihen vom Einen zum Nächsten gereicht, man konnte nie so ganz sicher sein, wer jetzt die Mutter war; während des Gottesdienstes spielten kleine Kinder im Mittelgang, saßen auf dem Schoß ihrer Eltern oder schliefen in den traditionellen Tragetaschen auf dem Rücken derselben.
Zu Beginn der Messe hielt eine Dame, wie wir erfuhren Taras einzige Kollegin in der Pre-School, eine ausschweifende Rede auf Chinesisch, ein Dorfbewohner übersetzte das Gesagte in die Lisu-Sprache. Anschließend wurden die Gesangbücher aufgeschlagen und Lieder auf Lisu angestimmt. Dann waren die Kleinen an der Reihe. Das mit dem Stillstehen muss für das nächste Mal noch ein bisschen geübt werden, trotzdem waren alle von den wirklich sehr goldigen kleinen Sängern begeistert, wie von den entzückten Lachern und „Ooooh“s aus den Bänken zu entnehmen war.
Zwei Frauen, die ebenfalls zu dem Entwickelungshelfer-Team vor Ort gehören, eine aus New York und eine aus Singapur, hatten ebenfalls geplant, ein Lob-Preis-Lied auf Englisch vorzutragen. Spontan boten sie uns noch während des Gottesdienstes an, mitzusingen. Also standen wir am Sonntag abermals auf einer Bühne in einer Kirche voll erfreuten, begeisterten Christen. Nach unserer Gesangseinlage war der Pfarrer noch einmal mit einer sehr langen Predigt dran, bevor der Gottesdienst nach ca. zwei Stunden beendet wurde. Tara erklärte uns, wir sollten uns draußen vor den Eingang stellen und den Menschen, wenn sie die Kirche verlassen, die Hand schütteln. Sie und die anderen beiden Ausländerinnen taten das Gleiche. Nach gefühlten tausend Händen und eben so vielen freundlichen Lächeln und „HUA HUA“s (Lisu: tschüss) und „X. Mo“s (Lisu: danke) war die Kirche leer und wie mal wieder gerührt von so viel Herzlichkeit.


Cinderella und High School Musical. Nächsten Sonntag, am dritten Advent, findet ein großer Englisch-Wettbewerb in der Schule statt. Jeweils alle fünf Klassen der zehnten, elften und zwölften Stufe bereiten Theaterstücke, Lieder und Reden vor – natürlich alles auf Englisch. Die Vorbereitungen laufen zurzeit auf Hochtouren.
Nicht nur unseren Klassen helfen wir natürlich beim Üben, wo wir können. Zwei Klassen werden  „Cinderella“ aufführen, auch das deutsche Märchen „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ wird performt. Eine Klasse gibt einen Song aus dem amerikanischen Teenie-Film „High School Musical“ zum besten, einzelne Schüler werden Reden halten, u. a. über die Notwendigkeit des Umweltschutzes oder über die Wichtigkeit der englischen Sprache. Vollkommen ungläubig waren wir schließlich, als wir erfuhren, dass ein paar Schüler einer zehnten Klasse ein österreichisches Volkslied namens „Edelweiß, Edelweiß“ (der restliche Text ist auf Englisch) singen werden. Und da soll mal jemand sagen, unsere Kids hier kriegen nichts mit vom Rest der Welt!
Eine Lehrerin fragte uns, ob wir nicht Teil der Jury beim Wettbewerb sein könnten. Klar können wir! Andererseits wird es auch ganz schön schwer werden, neutral und professionell zu urteilen, jetzt, wo wir mit einigen der Akteuren schon oft geübt haben. Bis zum großen Tag ist allerdings noch ein Weilchen hin, das wir nutzen wollen, um so viel wie möglich aus den Einzelnen herauszuholen.


Ich wünsche euch einen schönen zweiten Advent und alles Liebe,
Eure Elena

Besinnlichkeit im fernen China


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