Donnerstag, 15. November 2012

Party im Schlafsaal


Blog-Eintrag vom 15.11.12


 Party im Schlafsaal. Im letzten Eintrag erzählte ich, dass Cameron, eine Freundin unserer BTAC-Mädels, uns eingeladen hatte, mit ihr ihren 18. Geburtstag zu feiern. „Kommt einfach nach dem Unterricht, um 22.30 Uhr, zu unserem Schlafsaal“. Das taten wir. Das ganze Dormitory (Schlafsaal), insgesamt zehn Mädchen, war schon bereit, wir waren die einzigen Gäste außerhalb des Schlafsaals. Auf zwei Holztischchen im Mittelgang zwischen den Hochbetten waren bereits ein paar Gaben aufgetischt – Chips und allerlei Süßkram. Es hieß, Cameron sei noch im Supermarkt. Als sie schließlich kam mit ihren Tüten voll Süßigkeiten, wurde von den Betten auf sie aus Spraydosen bunte Fäden gesprüht und wir sangen Happy Birthday auf chinesisch und englisch. In einen großen Kreis stellten wir um die Holztischchen herum, dann präsentierten die Mädchen die Geburtstagstorte: Ein üppiges Meisterwerk aus weißer, gelber, roter und grüner Creme, garniert mit Creme-Rosen in denselben Farben. Jeder durfte Wunderkerzen auf die Torte stecken, bis es 18 waren. Im Anschluss wurde das Licht ausgeknipst, alle nahmen sich an die Hand und waren still, während Cameron sich was wünschte und die Kerzen ausblies. Dann ging die Party los. Mit Saft wurde angestoßen, die Torte wurde verzehrt, Tüten von Süßigkeiten wurden aufgerissen und herumgereicht – von gerösteten Fischen über geleeartiges, gepresstes Gemüse war mal wieder alles dabei. Nachdem ein paar der Mädchen ihre Gesangskunst als Solisten unter Beweis gestellt hatten, waren wir an der Reihe – man wollte ein deutsches Lied hören. „Ohne dich schlaf' ich heut' Nacht nicht ein“ und „Verdammt, ich lieb dich“ waren der Hit. Na ja.
Neben einem Muffin mit Kerze und Schokolade hatten wir für dem Geburtstagskind ein Notizbuch besorgt – mit dem Großaufgebot der anderen Freundinnen konnten wir allerdings bei Weitem nicht mithalten. Das rosa Kuschel-Schwein kam gut an. Aber die Plastik-Blume, die man auf die Torte stellen muss, und die, wenn man ihren Docht anzündet, anfängt Happy Birthday zu singen und sich zu drehen, toppte alles. Es wurde später, und in dem kleinen Schlafsaal fingen wir an zu tanzen auf die aus ihren Handys schallende Musik. Die braven Mädchen in der Schuluniform auf dem Pausenhof waren nicht wiederzuerkennen.
In diesem Moment konnten sie ausbrechen aus dem strengen, disziplinierten Schulalltag, und einfach nur Mädchen sein, die sie sind.


Welten-Unterschiede. Eines Abends saßen wir, wie des öfteren, bei unserem Kartoffelmann an der Straße, die zu unserer Schule führt, und verspeisten mal wieder die besten Kartoffeln Fugongs. Da lief ein Chinesisch-Lehrer unserer Schule vorbei und setzte sich schnurstracks auf den Plastikhocker. Bevor er angefangen hat, hier als Lehrer zu arbeiten, wäre er Leiter eines Automobilkonzerns in Shanghai gewesen. Er meinte, er habe viele Jahre lang Englisch schreiben gelernt, jedoch nie die Möglichkeit gehabt, das Gelernte anzuwenden – in uns sah er nun seine Chance. Er lud uns zu sich nach Hause ein, er würde ebenfalls in einer Lehrer-Wohnung der Schule wohnen. Also gingen wir mit – und fielen aus allen Wolken, als wir die Türschwelle überschritten. Während die Lehrer in unserem Block in einfachsten Verhältnissen wohnen, lebt dieser hier anscheinend wie im siebten Himmel. Von weißen Hochglanz-Stühlen und einer üppig bestickten, dreiteiligen Couch über den edlen Marmor-Tisch und die Goldrand-Vorhänge, bis hin zu einem Klo strotzte die Wohnung nur so von Reichtum.


Hygiene-Boxen. Zusammen mit der jungen Englisch-Lehrerin Kathy als Übersetzerin haben Marlena und ich am Freitag unsere Hygiene-Boxen in den drei größeren Supermärkten Fugongs aufgestellt. Die Mitarbeiter der Märkte traten der Idee größtenteils skeptisch entgegen, man meinte, es würde bestimmt nichts zusammen kommen an Zahnpasta, Zahnbürsten und Seife, die Leute in Fugong seien zu arm. Trotzdem wollten wir es, wo wir die Boxen schon einmal gebastelt hatten, wenigstens versuchen. Über die jeweilige Box hängten wir noch ein Infoblatt mit Bildern, die Boxen wurden neben die Kassen Ablage gestellt.
Heute haben wir mal in eine Box hineingeschaut – sie war über und über mit kleinen Scheinen gefüllt. Und auch im anderen Supermarkt, die Leute haben, bis auf wenige, zwar keine Hygiene-Artikel, dafür aber ihr Kleingeld an unser Projekt gespendet. Für insgesamt knapp 120 Yuan (umgerechnet zwar nur 15 Euro, hier aber sehr, sehr viel mehr wert) haben wir sofort im jeweiligen Supermarkt Hygiene-Produkte gekauft (insgesamt 17 Zahnbürsten und 18 Tuben Zahnpasta). So sahen die Supermarkt-Leute, dass auch sie etwas von der Aktion haben. Nie hätten wir uns vor einer Woche träumen lassen, dass nach nur fünf Tagen schon solch ein Ergebnis vorliegen würde. Morgen checken wir noch die Box im dritten Supermarkt. In den nächsten Wochen werden wir die Spendenbereitschaft der Fugongler beobachten. Erst dann wird sich entscheiden, ob es sich lohnt, wie in Liuku professionelle Boxen anfertigen zu lassen und diese dauerhaft in den Märkten stehen zu lassen. Nach dem heutigen Tag sind wir sehr optimistisch.

We are the World. Diesen Song von USA for Africa studieren wir im Moment wöchentlich Stück für Stück mit unseren Zehntklässlern ein. Die letzten paar Minuten einer jeden Stunde werden stets dazu verwendet, um ein paar neue Zeilen zu lernen. Kommen wir zu Unterrichtsbeginn in die Klasse, pfeifen einige von ihnen schon die Melodie. Die Schüler lieben den Song, nicht zuletzt deshalb, weil wir ihnen erzählt haben, dass Michael Jackson mitsingt.

Kleideraktion in den Bergen. Zizhu heißt das Dorf, in dem die Grundschule ist, deren ärmste Schüler wir am Sonntag mit Kleidern versorgten. Die Aktion wurde von den Liuku-Leuten geplant und durchgeführt; Micha, Tom, Marlena und ich durften aber mit, um uns den Ablauf des Ganzen anzuschauen, denn am Sonntag steht ja unsere eigene erste Verteilung an.

Als wir mit elf Leuten, einem Übersetzter und einigen Säcken Kleidung um die Mittagszeit die Schule erreichten, standen die hundert Schüler zur Begrüßung in Reih' und Glied auf dem Schulhof, den Kopf nach vorn gerichtet, Schultern zurück, Arme an den Körper. Ich ließ meinen Blick über die Gesichter der Einzelnen streifen. Ein kleiner Junge in der ersten Reihe musste sich übergeben. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, weiterhin stocksteif zu stehen, den Blick nach vorne.
Es hieß, in dem angrenzenden Raum wären ein paar kranke Kinder. Ich ging hinein. Ein Junge stand da, kerzengerade,  schluchzte. Ein Lehrer war bei ihm, schien aber nicht so recht zu wissen, was zu tun. Er zeigte mir blaue Druckstellen im Nacken des Jungen. Als ich auf die erhöhte Temperatur des Jungen hinwies, winkte er ab. Das Kind wurde wieder nach draußen zu den anderen geschickt.

Nur die ärmsten der Schüler sollten Kleidung bekommen, sie wurden vom Schulleiter ausgewählt. Eines der wenigen Klassenzimmern wurde für die Kleiderverteilung bestimmt, ein paar von uns machten sich gleich daran, die Kleider auszupacken und aufzustapeln. Währenddessen trabten die alle Kinder im Gleichschritt auf den Basketballplatz neben dem Gebäude, wo das Hygiene-Schauspiel aufgeführt wurde.
Drei Leute sind die weißen Zähne, die vom schwarzen Karies mit Süßigkeiten beklebt und geschlagen werden – bis die große, liebe Zahnbürste kommt, und die Zähne von Süßem befreit und den Karies in die Flucht schlägt.
Anschließend wurden auf dem Basketballplatz diejenigen beschäftigt, die keine Kleidung bekommen sollten.
In der Mittagssonne spielten wir Spiele im großen Kreis, zählten zusammen auf Chinesisch, spielten „Faules Ei“ und „1-2-3-Ochs-am-Berg“. Die Kinder hatten einen Riesen-Spaß – und wir auch. Zwar verstanden die Kinder unsere Sprache nicht, und wir nicht die ihre, aber wir zeigten ihnen, was wir meinten, und das klappte ganz gut. Sie alle waren auffällig ruhig. Keiner machte einen Schritt, wenn er nicht dazu geheißen wurde, keiner sagte einen Ton. Aber beim Spielen blühten sie auf, bei „1-2-3-Ochs-am-Berg“ rannten sie schreiend los, lachten, wenn sie wieder zurück mussten und freuten sich, wie sich Kinder zu freuen haben, als sie die Sieger-Wand erreichten.

Unterdessen wurde mit den Schülern, die Kleidung bekommen sollten, Zähne geputzt. Zunächst wurde jedem von ihnen eine Zahnbürste gegeben, denn nur ein paar wenige besaßen schon vorher eine. Dann wurden immer zwei Jungen und zwei Mädchen gleichzeitig in den Verteilungs-Raum geholt, wo man ihnen jeweils ein Unter- und ein Oberteil hinhielt, um die Größe abzuschätzen, und fragte, ob es ihnen gefällt. Auch ein Kleinkind, das keine Hose an hatte, trug nachher einen langen Rock.
Als die Aktion nach knapp zwei Stunden abgeschlossen war, wurde noch ein Foto von uns zusammen mit den Schülern geschossen, bevor wir uns auf zum Abstieg machten.
Ich habe Zizhu mit gemischten Gefühlen verlassen. Einerseits hatten sich mir die Bilder von den stocksteif stehenden, ernst schauenden Kindern, dem kranken Jungen und den dürftigen Lebensumständen an der Schule ins Gedächtnis gefressen, die ein ziemlich mulmiges Gefühl hinterließen, gleichzeitig machte es so froh, die Gewissheit zu haben, dass durch uns ein paar der Kinder jetzt wissen, wie man Zähne putzt, und in den kalten Nächten ab nun weniger frieren müssen.
Auf jeden Fall freue ich mich schon riesig auf unsere Kleider- und Hygiene-Aktion in Kodi am kommenden Sonntag. Davon lest ihr dann das nächste Mal.

1-2-3-Ochs-am-Berg

Bitte lächeln!

Die Schulküche
Ein Klassenzimmer
Hier schlafen zehn bis zwanzig Schüler
Mädchen in Lisu-Tracht
Mädchen in Zizhu 1
Mädchen in Zizhu 2
Ordnung und Disziplin in den Bergen
Sie trug später einen Rock

Spielen im großen Kreis
Strahlende Gesichter nach der Verteilung
Toaster-Spiel ... Ich bin das Toastbrot
Tom schaut, ob's passt
Zähneputzen auf Kommando
Zizhu


Ein schönes Wochenende euch allen,
eure Elena


PS. Ein Teil unserer Steckdosen wurde „repariert“, sodass wir jetzt wieder in der Küche kochen und sogar den Heizstrahler nutzen können.

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