Mittwoch, 7. November 2012

In der Schule



Blogeintrag vom 07.11.12


10 Uhr 10. Der ganze riesige Schulhof ist in blau-weiß getaucht. Die Schüler stehen in ihren Jogginganzug-Uniformen in Reih und Glied, um auf die um Punkt 10.10 Uhr einsetzende Musik zu warten, die aus allen Lautsprechern des Geländes dröhnt. Auf Kommando starten sie die einstudierte Formation, die mich an das Aerobic von daheim erinnert. Das konzentrationsfördernde Workout findet ab nun, da es langsam Winter wird und die Sonne von früh bis spät scheint, allmorgendlich statt.
Diese Woche wurde auch der neue Stundenplan, der Winter-Stundenplan, eingeführt. Das heißt, die Nachmittags- und Abend-Klassen fangen früher an als normalerweise. Leider hatte uns darüber niemand aufgeklärt, sodass wir beim ersten Mal eine Viertelstunde zu spät zum Unterricht kamen und uns wunderten, warum alle Schüler so brav auf ihren Plätzen sitzen und uns erwartungsvoll anstarrten.


„Guck mal. Der kommt nicht von hier.“ Erst als Marlena mich grinsend anschaut, fällt mir die Ironie in der Bedeutung meiner Worte auf. Aber es stimmt: Am Aussehen, der Kleidung und der Art, wie er sich bewegt, können wir mittlerweile schon feststellen, dass dieser Chinese aus einem anderen Teil des Landes stammt.
Aber nicht nur chinesische Touristen sind uns begegnet – in den ersten Wochen war uns ein französisches Pärchen über den Weg gelaufen, das in Peking lebt und zusammen mit schwedischen Freunden hier Urlaub macht. Dann trafen wir einen pensionierten Hawaiianer, der die Berge liebt und vor hat, den Rest seines Lebens in Yunnan zu verbringen. Letztens liefen wir an einem Restaurant vorbei und nach dem zweiten Mal Hinschauen fiel uns auf, dass der komplette Tisch von Nicht-Chinesen besetzt war. Es handelte sich um eine Gruppe von Forschern aus dem berühmten botanischen Forschungszentrum im Südwesten Yunnans. Sie waren auf der Durchreise und wollten in Fugong für ein paar Tage nach Pflanzen suchen. Eine der Forscherinnen war sogar eine Deutsche – aus Stuttgart. Und vorgestern schlendert uns abends in der Stadt ein junges israelisches Pärchen entgegen, das die Zeit nach der Army für eine mehrmonatige Rundreise durch Asien nutzt.
Wir würden den „Touristen“ jedes Mal am liebsten um den Hals fallen. Es ist so schön, ab und zu unerwartet einen vertrauten Fremden zu treffen.

 
Fugong im TV. Letzte Woche liefen wir durch die Stadt, auf dem Weg zum Unterricht, als plötzlich
vier Deutsche vor uns standen. Der eine war ein betagter Tourist, der mit einem Übersetzer das Nujiang-Tal erkundete und kurzerhand einen Regisseur und einen Kameramann angeheuert hatte, um die Erlebnisse auf der abenteuerlichen Reise aufzunehmen und in einen Dokumentarfilm zu verpacken. Sie meinten, sie würden gerne mal einen Einblick in den chinesischen Schulalltag erhalten und fragten, ob sie nicht mal zu uns an die Schule kommen könnten. Noch am selben Mittag, nach Absprache mit dem Headmaster, standen wir dann zusammen auf dem Schulhof. Mit Anweisungen wie „jetzt geht mal schnell die Treppen hoch und kommt dann ganz langsam zu uns herunter – und nicht in die Kamera schauen!“ stellten wir fest, dass wir wohl soeben zu Akteuren im Film geworden waren. Zunächst sprachen wir vor laufender Kamera über unser Leben in China und speziell über das Baumhaus-Projekt. Danach simulierten wir eine Unterrichtsstunde in einer unserer Klassen. Die Filmleute meinten, würde das Material gut, wird der Dokumentarfilm im nächsten Jahr im deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden.

Eine unserer zehnten Klassen

Gegen Karius und Baktus. Am Wochenende haben wir mit Marie und Fabia zusammen langweilige Schuhkartons mit Zahnbürsten und Zahnpasta-Tuben bemalt und mit Infozetteln beklebt. Mit unseren Hygiene-Boxen werden wir die nächsten Tage in die Supermärkte gehen und anfragen, ob wir diese dort aufstellen dürfen. Ziel ist es, dass die Kunden Zahnbürsten, Zahnpasta und Seife spenden, nach dem Motto „Eins kaufen, eins spenden“.

Hygiene-Boxen


Erkundungstour in den Bergen. Fabia, Marlena und ich machten uns auf, um das Bergdorf Kodi zu erkunden. Dort gäbe es eine Grundschule, deren Schüler sehr arm seien; man könnte dort also eventuell eine Kleider-Verteil-Aktion starten. Bei dem gut vierstündigen Fußmarsch in der warmen Mittagssonne hatten wir ausreichend Gelegenheit, um über die atemberaubende Aussicht ins Tal zu staunen und unendlich viele Fotos zu machen.

Lisu-Dame in den Bergen


Tuk Tuk


Nachdem wir zunächst im falschen Dorf waren, erreichten wir nach einer weiteren Stunde schließlich das nächste. Eine alte Frau mit Kopftuch erntete in der sengenden Hitze Gemüse im Garten vor ihrer Hütte. Ein paar kleine Kinder riefen „hello“ und rannten kichernd davon. Wir fragten einen jungen Mann, der zusammen mit seiner Frau gerade dabei war, Steine aufeinander zu mauern, während sein Kind im Sand spielte, ob es sich bei dem Dorf auch wirklich um Kodi handelt. Beide nickten eifrig und meinten „ai, Kodi!“. Erleichtert liefen wir weiter den Pfad entlang.

Strommast aus Bambus

Arbeit in den Bergen

Zunächst sahen wir den Basketballkorb, dann den Schulhof. Das Schulgebäude war aus grauem Stein und ungefähr so groß wie unser Wohnzimmer zuhause. Leider war im Moment kein Unterricht, die hölzernen Fensterläden waren geschlossen. Neben der Tür war ein buntes Plakat angebracht, auf dem in Bildern die vielfältigen Infektionswege von Aids und vorbeugende Maßnahmen erklärt waren.

Grundschule in Kodi
Dorf- und Schultoilette in Kodi

Ein sehr alter Mann saß auf einer Betonbank und beobachtete uns. Es dauerte nicht lange, da hörten wir lachendes Kindergeschrei; es näherte sich. Die Kinder trugen verdreckte Klamotten, keine Schuhe, die Gesichter waren schmutzig. Einige hatten faule Zähne. Zunächst trauten sie sich nicht, unsere Gummibärchen anzunehmen und uns ihre Namen zu sagen. Also beschlossen wir, erst mal was zu machen, das den Kindern zeigt, dass sie keine Angst haben müssen. Wir spielten Fangen. Das kam, glaube ich, ziemlich gut an. Beim Flüchten traf ich einen Lisu-Jungen in meinem Alter, der Dreck schaufelte. Mit Händen und Füßen unterhielten wir uns eine ganze Weile, bevor ich weiter rennen musste.

Kinder in Kodi
Kinder in Kodi

Nach einer Weile, inzwischen waren auch zahlreiche Erwachsene und noch mehr Kinder gekommen, winkte uns ein Mann im mittleren Alter hinter uns her. Wir beeilten uns, um Schritt halten zu können, und die Kinder rannten mit uns den Weg hinunter. In der Hütte des Mannes sollten wir ums Feuer herum auf niedrigen Holz-Hockern Platz nehmen, während uns die Frau dampfendes Wasser und Walnüsse servierte.
Zwar sprachen die beiden weder Englisch noch richtig Chinesisch, aber irgendwie schafften wir es, uns für eine gute halbe Stunde angeregt zu unterhalten. Nicht selten verfielen wir alle in lautes Gelächter, nachdem unsere Versuche, das Gemeinte mithilfe von vollstem Körpereinsatz darzustellen, in abstrakten Verrenkungen geendet waren. Mit der Entschuldigung, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit zurück im Tal sein müssten, wollten wir uns verabschieden. Das Angebot, doch in Kodi zu übernachten, lehnten wir dankend ab, hätten wir tags drauf sowieso Unterricht gehabt. Der Mann lief aus der Hütte, winkte uns erneut hinter sich her. Draußen spielte ganze Horde von Kindern auf dem Weg. Wir liefen bis zu einer Wegbiegung, wo ein rostiger Transporter abgestellt war. Der Mann, dem wir gefolgt waren, saß schon am Steuer und bedeutete uns eifrig, auf die Ladefläche aufzuspringen. Dort saßen schon ein paar kleine Jungs, uns abwartend anschauend. Also kletterten wir hoch und schauten den winkenden Kindern und Frauen nach, als der Transporter mit lautem Knattern in der Abendsonne langsam den Berg herunter rollte.

Auf der Ladefläche beförderte uns der Truck ein Stück den Berg runter.
Die Berge in der Abendsonne

Die Kleider-Verteil-Aktion planen wir nun für übernächstes Wochenende. Auch warum und wie man sich richtig die Zähne putzt, wollen wir den insgesamt 32 Schülern der Grundschule in Kodi an  diesem Tag vermitteln.


Pi He. Hygiene-Artikel und Kleidung für Kodi haben wir bereits von der vorherigen Generation Freiwilliger zur Verfügung gestellt bekommen. Um die Sachen abzuholen, waren wir am Samstag nach Pi He, wo Micha und Tom unterrichten, gefahren. Pi He ist ein kleines Dorf an der Straße zwischen Liuku und Fugong. Die Liuku-Leute, in deren Stadt bereits Einiges in Kleidercontainern und Hygieneboxen gesammelt wurde, hatten zuvor besagte Kleidung und Zahnbürsten für uns dort hin gebracht. Wir verbanden die Fahrt gleich mit einem schönen Wochenende in Pi He bei unseren Kollegen.


Heute hat eine der Senior 3 – Schülerinnen, denen wir sonntags Nachhilfe geben, Geburtstag. Sie hat uns eingeladen, nach dem Abend-Unterricht, um 22.30 Uhr, in ihr Dormitory zu kommen und dort mit ihren Freundinnen zusammen zu feiern. Darüber lest ihr im nächsten Bericht!


Beste Grüße aus dem kalten, nächtlichen Fugong!

Eure Elena

Lisu-Ehepaar in Fugong

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