Dienstag, 11. September 2012

Seit einer Woche unterwegs

Blogeintrag vom 11.09.12
 

Seit über einer Woche bin ich nun unterwegs.


Auf der einen Seite kommt es mir vor, als seien Ewigkeiten vergangen, als ich das letzte Mal zuhause war. Andererseits kann ich es kaum fassen, dass die Zeit so schnell vergangen ist.


In dem Bus, der uns am Montagmittag (nach chinesischer Zeit, China ist Deutschland um 6 Std. voraus) vom Flughafen Kunmings, der Hauptstadt Yunnans, in die Stadt brachte, hatte ich einen Fensterplatz. Und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Die dreispurige Straße war vollgestopft mit Bussen, alten Autos, Schlepper und vor allem mit Mofas. So viele Mofas wie in Kunming habe ich mein ganzes Leben noch nicht gesehen.
Frauen saßen darauf, ihre Einkäufe auf dem Rücksitz gestapelt, Mütter, die ihr Kind auf dem Schoß hielten, Männer, die meterhohe Kisten transportierten, vierköpfige Familien, sich aneinander festhaltend, Jugendliche, der Freund oder die Freundin seitlich auf dem Rücksitz mitfahrend. Manche trugen einen Mundschutz, um sich vor den Abgasen zu schützen.
Und alle fuhren ohne Helm. Von Straßenregeln, wie wir sie kennen, kann hier ohnehin nicht die Rede sein. Mir kam es vor, als führe hier jeder kreuz und quer. An Kreuzungen wurde gehupt, gedrängelt, unser Bus oft zentimeterknapp gestreift, Menschen liefen einfach über die Straße, ganz gemütlich, warteten einen halben Meter vor dem Bus, bis er weiterfahren würde und sie weiterlaufen konnten.
Oft schüttelte ich ungläubig den Kopf, den Mund offen vor Erstaunen.
An den Straßenrändern ein Lädchen neben dem anderen – Gemüse, Gebratenes, Kruschkram. Wir fuhren vorbei an Baustellen, die weder abgespert, noch durch ein Schild gekennzeichnet waren.
Das war also das Stadtleben Chinas. Chaos pur.
Diesen Eindruck machte es jedenfalls auf mich und die anderen Freiwilligen.


Frau Wan, die Projektleiterin vor Ort, lud uns in der Stadt zum Essen ein.
Man sitzt hier stets an runden Tischen, meist zu acht, und bedient sich von den chinesischen Köstlichkeiten auf der Drehscheibe in der Mitte des Tisches. Gegessen wird bekanntlich mit Stäbchen – was man recht schnell lernt, auch wenn meine Technik noch ein bisschen wackelig aussieht. Jeder hat ein kleines Schälchen aus Porzellan und ein Tellerchen, sowie ein Becherchen. In das Schälchen legt man zunächst etwas, das man sich aus der Mitte zum Essen ausgesucht hat. Auf das Tellerchen werden Reste wie Knochen oder Gräten gelegt. Den Tee (chin. chá) kann man sich ständig nachschenken (lassen). Das Essen hier ist meist sehr scharf, aber auch daran gewöhnt man sich.
Nach weiteren elf Stunden Fahrt mit dem Nachtbus kamen wir schließlich in Liuku an.

Wir durften uns ein paar Stunden Schlaf im Hotel gönnen, bevor es weiter zum nächsten Essen ging. Da die Chinesen es lieben, unterhalten zu werden, stimmte die ganze Gruppe, nachdem die Bäuche vollgeschlagen waren, Wanderwall und Lemon Tree an.
Die chinesischen Gastgeber schienen zufrieden.


Liuku.

Fiona, eine Freiwillige der letzten Generation, führte uns ein bisschen durch die Stadt. Auf den breiten Bürgersteigen stand ein Hühnerfuß-Grill, Obstkorb oder Gewürztischchen neben dem anderen. Chinesen saßen dahinter und schauten den neugierigen Ausländern hinterher. Zwei Jungen, nicht älter als fünf Jahre, liefen vorbei, Arm in Arm, sich einen Regenschirm teilend. Die vielen Geschäfte am Straßenrand bestanden meist nur aus einem garagenähnlichen Raum und boten Lebensmittel, Smartphones und Schrott an.
Auf dem Bürgersteig an der Straßenecke wuschen Angestellte eines kleinen Restaurants das Geschirr unter einem Wasserhahn.
Und überall Menschen. Hier spielt sich das Leben auf der Straße ab.

Wir betraten die Markthalle. So viele Lebensmittel – Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Gewürze. Chinesische Verkäufer, die uns schüchtern anlächelten, neugierig hinterherschauten oder schlafend an ihrem Stand saßen.
Wieder draußen setzte sich der Markt auf den Gassen Liukus fort.
Die großen Häuser der City waren geschmückt mit bunten, blinkenden Leuchtschriftzügen.

Ein Chinese lief vor uns aus dem Handyladen. Moderne Musik drang zu uns heraus. Zwei Schritte weiter saß eine alte Dame am Straßenrand und flechtete einen Korb.
Es stimmt wohl. China ist das Land der Gegensätze.



Während ich das hier schreibe, sitzen wir mit unseren Notebooks auf dem mit Decken und Schlafsack ausgelegtem Bett. Ich stehe auf, laufe mit Flip-Flops in die Küche, hole die Packung Papp-Brötchen unter der Anrichte hervor, nehme zwei einzeln verpackte Papp-Brötchen heraus, und laufe zurück ins Zimmer. Ich packe mein Papp-Brötchen aus. Von der Konsistenz her erinnern sie ein bisschen an unsere deutschen Milchbrötchen. Drückt man leicht darauf, verwandelt es sich an der gedrückten Stelle von hellbraun in beige. Trotz dass wir beide leicht erkältet sind und wir durch die verstopften Nasen nicht mehr viel von dem ohnehin wenigen Geschmack wahrnehmen, schmeckt man einen Hauch von Aprikosenmarmelade heraus. Oder Seife.


Als wir am Mittwochmorgen im Minibus auf dem Weg nach Fugong saßen, lag ein Jahr Abenteuer vor uns. In Fugong sind in diesem Jahr acht Freiwillige. Das sind Jonas, Max, Marie, Fabia, Tom, Micha, Marlena und ich.
Auf dem Weg hierher sahen wir Chinas ländliche Seite. Wir fuhren vorbei an Wasserfällen, riesigen Farnen, verlassenen Häusern, fuhren steile Abhänge entlang und durch einsame Bergdörfchen. Aus dem Fenster des Minibusses sah ich Hühner, die am Straßenrand Körner pickten. Ich sah Frauen, die ihre Kinder in Körben auf dem Rücken trugen und Männer, die auf einer Treppe Karten spielten. Eine alte Frau schlachtete ein Huhn.
Als unser Minibus vorbeifuhr, schauten sie kurz auf. Neugierige Blicke begegneten uns. Ich lächelte, ein paar lächelten zurück.


Als wir auf dem Weg nach Fugong die ersten beiden Freiwilligen an der Mittelschule im Dorf PiHe (ca. 1 ½ Std. von Fugong) absetzten, wurde dort gerade der Teacher's day im Voraus zelebriert – und wir waren herzlich eingeladen, mitzufeiern. Auf einer Art Terrasse mit Kocheinrichtung hinter den Schulgebäuden wurde ein báijiu (Schnaps) nach dem anderen gekippt. Neben Schnaps trinkt man vorzugsweise Bier oder Tee. Wir hielten uns für den Anfang vorsichtshalber an Bier und Tee ;)
Das Essen darf beim Feiern natürlich nicht fehlen, und so kam ich zum Beispiel in den Genuss von knallgelben, wackelpuddingähnlichen Eiern, die ich so schnell nicht mehr brauche, aber auch von uuumwerfend leckeren, gekochten Wurzeln vom Lotus – meine neue Leibspeise.


Schließlich erreichten wir die Stadt. Fugong. Quer hindurch fließt der Nujiang River. Um die andere Seite zu erreichen, muss man eine Brücke passieren. Baustellen, Staub und arbeitende Menschen dominierten den ersten Eindruck. Sogenannte Tuk-Tuks (motorisierte Rikschas) schienen das Hauptverkehrsmittel zu sein. Es war sehr warm.

Und als wir da saßen, im Minibus, und aus dem Fenster schauten, wussten wir nicht, was uns in den kommenden Tagen erwarten würde.

Zum Glück stellte sich heraus, dass wir nicht auf uns alleine gestellt waren. Jeweils eine der beiden Englischleherinnen, Lisa und Christina, stellte uns den Headmaster der Schule vor, begleitete uns zur Anmeldung auf die Polizeistation, half uns mit der Beschaffung einer chinesischen SIM-Card sowie mit der Einrichtung eines chinesischen Kontos.
Und zeigte uns unser Heim für das nächste Jahr. Noch am selben Tag sei ein Lehrer extra aus seiner Wohnung in eine andere gezogen, damit uns eine Unterkunft gewährt werden konnte.
Wir bezogen also eine geräumige Wohnung im Erdgeschoss des Lehrerblocks.
Es gab ein Zimmer für jeden von uns, eine Küche, ein Bad sowie zwei weitere große Zimmer, denen wir zunächst keinen Zweck zuordnen konnten.
Fazit: Unsere Wohnung war groß.
Anmerkung: Unsere Wohnung war leer.
Ergänzung: Unsere Wohnung war dreckig.

So verbrachten wir die ersten Tage in Fugong hauptsächlich mit Einkaufen und Putzen.

Da wir auch noch keine Küchenutensilien wie Töpfe oder Geschirr hatten, und da wir uns freuten, neue Leute kennenzulernen, waren wir über die Einladungen zum Essen vom Headmaster und verschiedenen Englischlehrerinnen sehr, sehr froh.


Im Moment fällt es uns noch ziemlich schwer, abzuschätzen, wann man eine Einladung annehmen sollte und wann man sich besser bedankt, aber mit einer Ausrede höflich ablehnt. Denn die Chinesen sagen nicht direkt das, was sie sagen wollen. Es gilt stets, sein Gesicht (chin. mianze) und das des Gegenübers zu wahren.

Als wir gestern nach Hause kamen, trafen wir Lisa, die Englischlehrerin. Sie stand auf der Türschwelle der Wohnung unserer Nachbarin, einer Physiklehrerin und war dabei, eine Wahlnuss durch das Öffnen und Schließen der Haustüre zu knacken. Sie bat uns herein und stellte uns der Physiklehrerin vor. Wir erzählten und aßen Äpfel. „Wann trefft ihr euch nochmal mit den anderen Freiwilligen in der Stadt?“, fragte Lisa irgendwann.
War das jetzt eine höfliche Aufforderung, zu gehen? Oder eine Frage aus Interesse?
Das Fingerspitzengefühl, das zu unterscheiden, fehlt mir jedenfalls noch.
Mit dem Vorwand, wir müssten die anderen jetzt mal dringend anrufen, verabschiedeten wir uns schließlich vorsichtshalber.

Am Sonntag war ja auch mein Geburtstag. Aber der erschien mir dieses Jahr so unwichtig neben den ganzen anderen neuen Dingen. Obwohl die große Fete in diesem Jahr flachfiel, haben sich die anderen Fugongler richtig ins Zeug gelegt und ein wunderbares Geburtstagsfrühstück mit Torte ;), Kerze und Geschenken gezaubert.


Was das Unterrichten betrifft, so wissen wir bisher nur, dass wir am Mittwoch, also morgen, beginnen sollen und getrennt unterrichten werden. Zur Stundenanzahl, welche Klassen wir unterrichten, geschweige denn wann genau wir am Mittwoch anfangen sollen, wissen wir noch nichts.


In China ist das aber üblich. Der Lebensrhythmus ist hier allgemein ein bisschen langsamer und entspannter als in Deutschland.

Aber ich freue mich total auf das Unterrichten. Und darauf, zu wissen, an welchen Wochentagen man wann Unterricht hat. Im Moment tut einfach alles gut, was ein bisschen Routine in unseren – zur Zeit noch recht ungeordneten – Alltag bringen könnte.

An unserer Schule gibt es vier BTAC-Kids (von unserem Because-they-are-children-Projekt geförderte Schüler). Die vier Mädchen sind in der Senior 3, d.h. in der Abschlussklasse, und werden nach der Prüfung im Sommer nächsten Jahres die Schule verlassen. Unsere Aufgabe ist es hauptsächlich, uns möglichst häufig mit ihnen zu treffen und zu sprechen, sodass sie das gesprochene Englisch trainieren. Bei unserem ersten Treffen mit ihnen führten sie uns zu ihren Schlafräumen. Das Schulgelände ist so riesig, dass man sich problemlos verlaufen kann. Immerhin lernen hier 2000 Schüler. Der Großteil der Lehrer und Schüler (oder alle?) wohnt in Einrichtungen der Schule. Immer wieder gibt es dann ein paar unterrichtsfreie Tage, die die Schüler zuhause bei ihren Familien verbringen. Dank dem hoch gefeierten Teacher's day am 10. September gab es zum Beispiel gerade vier Tage frei.

Als wir gestern in der Stadt unterwegs waren, stellten wir fest, dass montags wohl mehr los ist als an den anderen Wochentagen. Die Anzahl der Händler am Straßenrand hatte sich nahezu verdoppelt und auf der Brücke, die den Verkehr über den Nujiang leitet, gab es sogar einen Tuk-Tuk-Stau.
Neben den üblichen Würstchengrills und Obstständen, entdeckten wir gestern eine Frau, die gebratene Ratten zum Kauf anbot, sowie mehrere Händler, die das rohe Fleisch auf Plastikplanen am Straßenrand ausgebreitet hatten.

In der Stadt wohnt auch ein Team von Entwicklungshelfern, von denen wir einige schon kennen gelernt haben. Eine der Frauen, Dagmar, kommt sogar aus Deutschland. Schon sei Jahren leben sie hier und haben es sich zur Aufgabe gemacht, im Bezirk Fugong humanitäre Hilfe zu leisten. Heute Abend sind wir bei Tara aus Texas zum Essen eingeladen. Es gibt Hamburger.

Oh Mann, ich könnte hier Romane schreiben.
Ich hab das Gefühl, es ist für euch unmöglich, sich anhand meiner Erzählungen und Bilder vorzustellen, wie es hier wirklich ist. Oft denke ich, wenn ich durch die Stadt laufe: Am liebsten würde ich mir eine Kamera auf den Kopf setzten, deren Aufnahmen ihr live mitverfolgen könnt.
Na ja.

Achso, was das Internet betrifft. In unserer Wohnung haben wir keine Verbindung, können aber problemlos mit unseren Notebooks ins Internetcafé in der Stadt gehen. Ich schreibe die Blogeinträge also in der Wohnung und lade sie im Café hoch.
So. Wir gehen jetzt mal los in die Stadt.

Ich wünsche euch eine schöne Woche!

PS. Bilder folgen die Tage.

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